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Vom arbeitsamen Monat Juni

„Hallo Kollege, mach dich vom Acker! Der Sommer kommt. Die Zeit drängt. So viel habe ich zu erledigen!“
Eilig und ein bisschen stressig jagte der Juni in den letzten Mainächten hinter dem Mai her. „Viel Arbeit ist liegen geblieben.“ Er schubste den Mai, der in den Kronen blühender Kastanienbäume schlief, fordernd an.
Der aber wehrte sich. „Verlasse meinen Monat!“, schimpfte er. „Und zwar auf der Stelle.“
„Ach bitte!“ Der Juni verlegte sich aufs Betteln. „Lass mich mit meinem Job beginnen! Ich muss den Sommer anschubsen. Es ist die Zeit der ersten Heuernte. Die Sommerblumen, ach, es sind ja so viele, muss ich zum Blühen bringen. Die Erdbeeren sollten längst gereift sein und die Kirschen, die Himbeeren, die ersten Erbsen, Bohnen, Karotten, Kohlrabis und Radieschen, die …“
Der Juni redete und redete, und der Mai fühlte sich auf einmal sehr müde. Er war doch auch fleißig gewesen. Das Land hatte er mit frischem Grün bemalt und bunte Blütentupfer in Gärten und Wiesen gestreut, den Tieren hatte er für ihren Nachwuchs gemütliche Kinderstuben in Höhlen und Nestern eingerichtet und die Menschen hatte er mit lauen Abendlüften und lieblichen Düften zur Liebe verführt. Jede Nacht hatte er auf unzählig vielen Hochzeiten verbracht und … Ja, wann zum Teufel hätte er da noch viel Zeit für die Garten- und Feldfrüchte und all die anderen stressigen Terminjobs finden sollen? All das wollte er dem eifrigen Junikerl sagen, doch er brummte nur ein genervtes „Streber!“ und „Ich bin schon weg!“ Dann warf er sich in eine laue Maiwindbrise und sauste davon.
Der Juni atmete tief durch, dann krempelte er die Ärmel hoch, zog eine dichte Wolkendecke über den Himmel und schickte dem ausgetrockneten Land für eine Woche dichten, feinen Juni-Landregen. Währenddessen durchstreifte er Gärten und Felder, inspizierte Wiesen und Obstgärten, besuchte die Herden auf Weiden und Almen und verhandelte mit der Sonne, die lange an den Tagen zu Gast war. Scheinen sollte sie nach dem großen Regen, und zwar gleichmäßig warm, damit die Sommerblumen blühten, die Feldfrüchte und Beeren reiften und das Gras bei der Heuernte trocknete.
Der Juni war überall zur Stelle und beaufsichtigte die wichtigen Juniarbeiten. Selbst in den Schulen war er zu Gast. Schließlich galt es in seinem Monat auch, das Schuljahr mit Erfolg und guten Noten zu beenden.
„Schaut euch nur diesen Streber an!“, knurrte der Mai, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlte. „Er tut, als wären all die Erfolge, die er einheimst, allein Früchte seiner Arbeit.“
Seine Frühlingskollegen nickten. „Angeber!“, brummte der April und der März ergänzte mit weinerlicher Stimme: „Was wäre er ohne uns und unser Tun? Ein Nichts wäre er. Ein erfolgloses Nichts.“
Und wenn den Dreien die Herrschaft des Juni allzu sehr auf die Nerven ging, griffen sie in den großen Wettertopf und warfen diesem erfolgsverwöhnten Streber ein paar kühle Winde, Regenschauer und Kältetage vor die Füße.
Der Juni aber lachte nur. Ihn konnte niemand aufhalten. Auch nicht jene ‚Schafskälte‘, wie die Menschen solche kalten Junitage nannten.

© Elke Bräunling

Hier ist die Junifee unterwegs: Als die Junifee die Nächte heller machte

Jeder Monat hat seine eigene Geschichte

Vom strahlenden Monat Januar
Vom fröhlichen Monat Februar
Vom eingebildeten Monat März
Vom närrischen Monat April
Vom übereifrigen Monat Mai
Vom arbeitsamen Monat Juni
Vom trägen Monat Juli
Vom ‚königlichen‘ Monat August
Vom zaudernden Monat September
Vom feurigen Monat Oktober
Vom bescheidenen Monat November
Vom festlichen Monat Dezember 

Viel Spaß damit!

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Monat Juni, ein Erntemonat, Foto © Andrea Oberdorfer

Aus dem Buch:

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