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Die Fledermäuse von Burg Schattenfels

Seit Jahrhunderten lebte auf Burg Schattenfels die große Fledermauskolonie im Gewölbe des Burgkellers. Am Tage hingen die Fledermäuse an den Gewölbedecken und schliefen, nachts machten sie sich auf Beutefang. Es waren so viele, dass sich die Leute im Dunkeln selten in die Nähe der Ruine wagten. Wegen der Gruselgeschichten über die Burg. Und wer weiß, vielleicht hauste dort nicht doch ein Vampir? So hatten die Fledermäuse wegen der Furcht der Leute ihre Ruhe.
Eines Tages aber fuhren Männer in großen Autos vor und sagten:
„Ein Burghotel werden wir bauen. Die Touristen sollen die Romantik der Ritterzeit erleben.“
Ritterzeit? Romantik? Die Dorfbewohner schimpften.
Noch aufgeregter waren die Fledermäuse. Bei dem lauten Baulärm flohen sie und flogen verwirrt durch den Wald. Als am Abend die Presslufthämmer schwiegen, kehrten sie zurück. Aber der Zugang zu ihrem Gewölbe war zugemauert. Die Fledermäuse hatten ihre Heimat verloren.
Die Bewohner von Schattenbach waren empört.
„Die Fledermäuse haben ein Recht auf ihre Unterkunft“, beschwerte sich der Bürgermeister.
„Tiere haben keine Rechte“, antwortete der neue Burgbesitzer. „Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns um jeden Kleinkram kümmern würden? Geld wollen wir verdienen. Außerdem haben Fledermäuse in einem Burghotel nichts zu suchen. Sie belästigen die Gäste.“
„Belästigen?“ Die Dorfbewohner waren empört.
„Wer belästigt hier wen?“, schrie einer. „Wir haben uns dieses Hotel nicht gewünscht.“
Und die Kinder weinten: „Wir wollen unsere Fledermäuse wieder haben.“
Traurig beobachteten die Dorfbewohner, wie die Kolonie der Fledermäuse von Tag zu Tag kleiner wurde.
„Wir müssen etwas tun“, sagten sie und versammelten sich im Rathaus. „Wir müssen die Fledermäuse retten.“
Alle nickten. Dann begann man zu planen und die Leute trafen sich im Rathaus. Sie waren so beschäftigt, dass sie das aufziehende Gewitter nicht bemerkten.
Plötzlich zuckte ein Blitz über den Berg. Ihm folgte ein Donnerschlag, der so laut dröhnte, dass die Fensterscheiben der Häuser klirrten.
Erschrocken fuhren die Menschen zusammen. So ein Gewitter hatten sie noch nie erlebt.
„D-d-das geht nicht mit rechten Dingen zu“, murmelten sie.
Nach diesem Paukenschlag wurde es ruhig. Nur der Regen prasselte vom Himmel, und hoch am Berg loderte helles Licht.
„Es brennt“, rief ein Mann. „Auf der Baustelle von Burg Schattenfels hat der Blitz eingeschlagen.“
Die Dorfbewohner sahen sich bedeutungsvoll an. Es ging eben doch nicht alles mit rechten Dingen zu dort oben, und so hatte man es auch nicht eilig, zum Feuerlöschen auf den Burgberg zu eilen. Das war auch gut so, denn viel war von der Burg nicht übrig geblieben. Ein paar Mauern – und der Gewölbekeller, in den wenige Tage später wieder die ersten Fledermäuse einzogen.

© Elke Bräunling

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