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Eine seltsame Begegnung am Waldrand

Auf dem Schulweg bog Max an einer Wegkreuzung ohne weiter nachzudenken ab und trottete langsam aus dem Städtchen hinaus zum nahen Wald.
„Eine gute Idee“, murmelte er, als er sich wenig später am Waldrand ins Gras setzte. „Während sie in der Schule das blöde Diktat schreiben, habe ich einen tollen Sonnentag.“
Er beobachtete den Bussard am Himmel, lauschte dem Vogelgezwitscher, beobachtete eine Ameisenstraße und seufzte zufrieden. „Hier bleibe ich bis Schulschluss. Es gibt so viel zu sehen, dass mir nicht langweilig wird. Verhungern muss ich auch nicht. Bestimmt finde ich Himbeeren und Walderdbeeren.“
Das schlechte Gewissen meldete sich. „Ich könnte für Mama Beeren pflücken. Dann ist sie nicht ganz so sauer, wenn sie erfährt, dass ich Schule schwänze.“
Max griff nach der Dose mit den längst aufgegessenen Pausenbroten und trottete zu den Himbeerbüschen hinüber. Er hatte Glück. Schon viele Beeren waren reif und an der Böschung lachten ihm rote Walderdbeeren entgegen.
„Ganz schön viel Arbeit“, murmelte Max. Er überlegte und …
Da. Es raschelte im Unterholz, ein Ast knackte und eine seltsame Gestalt kam aus dem Wald. Sie ging auf die Beerenbüsche zu.
Misstrauisch musterte Max den Fremden, einen Jungen, der nicht viel älter war als er. Komisch sah er aus. Und so fremd mit seinen langen Haaren und dem knielangen Lederhemd, das von einem Seil zusammengebunden war. Hosen trug er keine. Auch keine Schuhe. Ohne Max zu beachten, begann der Fremde, Beeren in seinen Lederbeutel zu sammeln.
Komisch sah das aus. Und sehr seltsam. Max erinnerte sich an ein Buch mit Geschichten aus der Steinzeit. Genau so sahen die Menschen in den Bildern dort aus. Ob dieser fremde Junge ein Schauspieler war oder in einem Rollenspiel ‚Steinzeitmensch’ spielte?
„Du siehst richtig echt aus“, rief er ihm zu.
Der Junge sah auf. „Ich bin echt“, sagte er. „Ich muss Beeren pflücken und Kräuter sammeln und ich muss mich beeilen, damit die Familie nachher genügend zum Essen hat. Die Männer sind nämlich noch nicht von der Jagd zurückgekommen und wir sind hungrig.“
„Wir? Wer ist wir?“, fragte Max.
„Die Frauen und Kinder unseres Stammes. Und die Alten, die nicht mehr zur Jagd gehen können. Wer sonst?“
„Klar. Wer sonst auch.“ Max fühlte sich auf einmal seltsam.
Der Fremde grinste. „Hilf mir! Dabei kannst du mir von deinem Stamm erzählen. Sag, bist du auch auf Nahrungssuche?“
„N-n-nein“, stammelte Max. „Ich … eigentlich sollte ich in der Schule sein und ein Diktat schreiben, aber …“
„Aber du hast Hunger? Hier!“ Der fremde Junge griff in seinen Beutel und reichte Max eine Handvoll Blütenköpfe. Gänseblümchen. Max schluckte. „Die schmecken lecker und machen satt. Und nun erzähle: Schule, was ist das?“
Dazu nun wusste Max viel zu erzählen und während er seinem neuen Freund beim Beeren pflücken half, erzählte er und erzählte und … und als er mit dem Erzählen aufhörte, war der Fremde verschwunden. Er, Max, saß mitten in einer Gänseblümchenwiese und wunderte sich und nahm sich vor, besser doch nie mehr Schule zu schwänzen.

© Elke Bräunling


Der Weg zu den Beerenbüschen am Waldrand, heute wie damals, Foto © Andrea Oberdorfer

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