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Der „Zauberer“ und die Vögel im Park

„Ruhe! Ich brauche meine Ruhe! Könnt ihr denn nicht einmal die Schnäbel halten und schweigen?“
Laut hallte der Ruf an einem sehr frühen Sommermorgen durch den Park.
Die Vögel, die kurz vor Sonnenaufgang ihre Liedchen zwitscherten und jubilierten und trällerten, schwiegen für einen klitzekleinen Moment. Wer störte sie da so rüde bei ihrem Sommer-Morgenkonzert?
„Na! Geht doch“, tönte die Stimme zufrieden. „Endlich kann ich in aller Ruhe meinen Morgenfrieden genießen.“
Geht doch? Ja, geht’s noch?
Die Parkvögel waren empört. Das Singen am Morgen war doch ihr Job! Man konnte ihnen doch nicht ihren Job verbieten! Wie sonst sollten sie sich miteinander unterhalten oder, noch wichtiger, wie sollten sie je ihre Partner zur Vogelhochzeit finden ohne ihren lieblichen Morgengesang Ein bisschen verdutzt blickten sie in die Runde, dann hoben sie ihre Köpfe, atmeten tief durch, öffneten die Schnäbel und setzten ihren Gesang fort. Ein bisschen lauter und jubelnder als zuvor.
„Unverschämtheit!“ Ein Mensch stand mitten auf der Parkwiese. Er trug einen schwarzen Anzug und einen schwarzen Hut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, und drohte nach allen Richtungen mit den Fäusten. Dabei schimpfte und polterte er in einem fort, so laut und dröhnend, dass sich die Vögel nur noch schwer auf ihren Gesang konzentrieren konnten. Schließlich hielten sie das Lärmen dieses schwarzen Menschen nicht mehr aus.
„Ruhe!“, schrieen sie wie auf ein Kommando alle zusammen von ihren Baum-Singplätzen zur Parkwiese hinab. „Wir brauchen unsere Ruhe! Kannst du denn nicht einfach deinen Schnabel halten und schweigen, du Mensch, du?“
Der Mensch hielt inne, hob den Kopf und … grinste. Dann zog er den Hut, winkte damit zu allen Seiten, verbeugte sich und rief: „Danke euch allen! Besten Dank!“
Er setzte den Hut wieder auf, rief „Auf Wiedersehen“ und „Bis morgen!“ und schlenderte langsam dem Parkausgang zu.
„Und ich bin doch ein Zauberer“, sagte er dabei vergnügt. „Noch ist es mir zwar nicht gelungen, die Vögel auf einen Ruf hin für länger zum Schweigen und zur Morgenruhe zu verzaubern. Diesen Trick werde ich morgen früh noch einmal mit ihnen üben müssen. Aber ich habe sie heute dazu verzaubert, mich zum Schweigen zu bringen. Fantastisch. Ja, ein sehr großer Zauberer bin ich sogar – und bald werde ich berühmt sein.“
Zauberer? Berühmt? Nun schwiegen sie doch, die Vögel, für einen längeren Moment dieses Mal.

© Elke Bräunling

Leckerspaß im Kirschbaum, © Elke Bräunling

Aus dem Buch:

NEU IM JUNI – WALDGESCHICHTEN

Taschenbuch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald: Waldgeschichten für Kinder
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Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald

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