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Der wunderschöne Schmetterling

Viel war los im großen weißen Rosenbusch am Parkeingang. Bienen, Hummeln und Käfer umsummten hungrig die duftenden Blüten. Oben im Busch auf einer Rose hatte es sich ein Tagpfauenauge bequem gemacht. Schön sah er aus mit seinen rot-orange-blau-gelben Flügeln.
„Sieh mal!“, rief ein Kind. „Ein toller Schmetterling! Wie ein Schmuckstück sieht er aus.“
„Ja, er ist prächtig“, meinte eine Frau. „Er ähnelt einer Edelsteinbrosche.“
„Wartet!“, sagte darauf ein Mann. „Ich klettere auf die Mauer und fotografiere dieses Prachtstück. So einen herrlichen Falter habe ich lange nicht mehr gesehen. Er passt wundervoll zur weißen Rosenblüte.“ Er sagte noch viele nette Dinge, während er den schönen Schmetterling viele Male fotografierte.
Wie sehr geschmeichelt fühlte sich da der Schmetterling!
„Stimmt!“, sagte er wohlgefällig, „ich bin ein besonders prachtvolles Exemplar.“
Viele Male sagt er es nun an diesem sonnigen Morgen. Er erzählte es jedem Käfer, jeder Biene und jedem Schmetterlingskollegen, die an ihm vorüber flogen. Laut und deutlich und sehr stolz.
„Was ist er doch für ein eitler Pfau!“, murrte ein Rosenkäfer. „Schön sein kann ich auch, doch was nutzt es mir? Nichts. Habe ich Recht?“
Die anderen Tiere nickten. Sie waren alle ein bisschen genervt von den Prahlereien des Schmetterlings.
„Schmetterlinge sind eitel“, brummte ein Marienkäfer. „Und zuweilen etwas dumm.“
„Das stimmt nicht“, beschwerte sich ein Kohlweißling, der dem Gespräch der Tiere lauschte.
„Pah!“, rief eine Biene und ihre Bienenkolleginnen kicherten, während sie weiter eifrig ihre Köpfe in die Blüten tunkten und Nektar sammelten. Dann lachten alle Tiere.
‚Wir Kollegen müssen zusammenhalten“, schimpfte der Kohlweißling da. Dann flog er zu dem schönen Pfauenauge hinüber.
„Oh, was bist du denn für ein seltsamer Geselle?“, begrüßte der ihn etwas ungnädig. „Ich fürchte, du störst das Bild, das ich den Menschen biete. Du bist hässlich!“ Abfällig beäugte er den weißen Falter, der als einzigen Flügelschmuck je einen dunklen Punkt auf den Flügeln trug. Dann plusterte er sich zu voller Größe auf und sagte barsch: „Zieh weiter! Los!“
Der Kohlweißling, der freundlich sein wollte, schwieg. Ein bisschen duckte er sich vor Schreck in die Blätter der Rosenblüte hinein. In diesem Augenblick schoss wie ein dunkler Blitz ein Vogel heran. Mit einem Schnapp packte er den schönen Schmetterling im Schnabel und flog mit ihm davon.
Still war es für einen Moment im Rosenbusch geworden. Schreckensstill.
„Nun gut“, brummte der Marienkäfer schließlich mit einem Blick auf den Kohlweißling. „Ich nehme es zurück. Nicht alle Schmetterlinge sind dumm. Manch ein Schönling aber kann zuweilen doch etwas töricht sein.“
Sprach’s, pumpte die Flügel auf und flog davon.

© Elke Bräunling

Diese Geschichte findest du in einer kürzeren Fassung hier: Der schöne Schmetterling


Auch ein wunderschöner Schmetterling … ein Kohlweißling (?), Foto © Elke Bräunling

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