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Der kleine Bär und die (hässliche?) Raupe

„Wer bist du denn?“, fragte der kleine Bär.
Misstrauisch sah er zu, wie ein braunes, stachelhaariges Ding langsam über den Wiesenboden kroch. Wie ein Erdwurm sah es aus.
Der kleine Bär kicherte. „Ein Erdwurm mit Igelstachelfell“, rief er. „Ein grässlich hässlicher Erdwurm sogar. Hihi!“
Er beobachtete, wie sich dieser seltsame Erdwurm am Stängel einer Kleeblume aufrichtete. Er umklammerte ihn mit seinen kurzen Beinen, bevor er an ihm hoch krabbelte. Oben angekommen öffnete er weit seinen Mund, als wollte er gähnen, dann biss er – happs – mitten in die Kleeblüte hinein, kaute, schluckte, biss wieder hinein, kaute, schluckte, kaute, schluckte, bis nichts mehr von der Blüte übrig war. Doch noch immer war er nicht zufrieden: Jetzt nämlich hangelte er gierig nach den Kleeblättern, die um die Blüte wuchsen, und fraß und fraß, bis ringsum alles aufgegessen war.
„Und nun?“, fragte der kleine Bär, der diesem braunen Fremdling neugierig zuschaute. „Bestimmt fällst du nun satt gefressen vom kahlen Stängel herunter.“
„Mitnichten“, antwortete der Erdwurm freundlich, dann öffnete er wieder den Mund, haute die Kiefer in den Stängel, kaute und schluckte. Er haute, kaute, schluckte. Wieder und wieder, bis es auch den Blumenstängel nicht mehr gab und der Erdwurm wieder auf dem Boden saß.
„Nun bist du aber satt“, stellte der kleine Bär fest.
„Mitnichten“, sagte der Erdwurm wieder. Dann machte er sich auf den mühsamen Weg zur nächsten Pflanze, die er ebenfalls rutzputz auffraß.
Weiter ging es zur nächsten und zur nächsten und immer weiter.
Der kleine Bär staunte. Und weil er wissen wollte, wie viele Blumen dieser seltsame Kerl aufzuessen vermochte, legte er sich bäuchlings ins Gras und schaute dem neuen Freund beim Fressen zu. Der schien nie satt zu werden.
„Warum frisst du so viel?“, fragte der kleine Bär schließlich.
„Weil ich schön sein möchte“, antwortete der Wurm. „Und irgendwann werde ich einmal wunderschön sein. Ich bin nämlich eine Raupe.“
„Hohoho!“ Der kleine Bär könnte sich kringeln vor Lachen. „Niemals wirst du schön sein. Außerdem: Vom viele Essen wirst du grässlich hässlich dick.“
„Warte es ab!“ Das Raupending kicherte. „Eines Tages wirst du staunen.“
„Und wann ist ‚Eines Tages‘?“, fragte der kleine Bär.
Die Raupe biss in einen Gänseblümchenblütenkopf, kaute und sagte:
„Wenn der Mond zehn Mal sein Gesicht verloren hat, treffen wir uns hier wieder. Aber nun störe mich nicht länger. Mein Hunger ist noch groß. Außerdem muss ich meine Haut noch einige Male abstreifen und mir eine neue wachsen lassen, bis ich mich gesättigt zur Puppe verwandle und in Winterschlaf begebe. Und im nächsten Frühjahr werde ich der schönste aller Schmetterlinge sein.“
„Wie bitte?“ Der kleine Bär verstand nichts von dem, was die Raupe sagte. „Du träumst“, meinte er schließlich und verabschiedete sich.
„Was für ein witziges Ding das doch ist!“, brummte er auf dem Heimweg. Er lachte. Und klar, nach zehn Monden würde er da sein und sich dieses Wunder ansehen. Das nahm er sich fest vor.

© Elke Bräunling

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