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Nadja kommt in die Schule

Nadja kommt nach den Sommerferien in die Schule. Im Kindergarten hat sie mit ihrer Mutter zusammen eine Schultüte gebastelt. Nadja findet, dass es die schönste Schultüte von allen ist und sie ist besonders stolz auf sie.
„Schau, Oma, ist sie nicht ganz wunderbar geworden?“, fragt sie die Oma, die das nur bestätigen kann.
„Ich habe noch nie eine schönere Schultüte gesehen, Nadja!“
„Hast du auch eine Schultüte gehabt, Oma?“, will Nadja nun wissen.
„Aber sicher, mein Kind. Sie war aus rotem Glanzpapier und ein Blumentauschbild klebte darauf. So groß und schwer war meine Schultüte, dass ich sie kaum tragen konnte“, erinnert sich Oma.
„Was war denn drin, dass sie so schwer war?“
„Genau weiß ich das nicht mehr, aber ich erinnere mich an einen dicken Apfel mit roten Backen und an einen Anspitzer. Ach ja, eine Butterbrotdose war auch noch drin und ein Griffelkasten aus Holz.“
Nadja weiß nicht, was ein Griffelkasten ist, das Wort hat sie noch nie gehört, deshalb fragt sie nach.
„Wir hatten eine Tafel, auf der wir das Schreiben gelernt haben. Auf so einer Schiefertafel konnte man mit einem Kreidestift schreiben, den man auch Griffel nannte. Das Geschriebene konnte man anschließend wieder wegwischen und die Tafel neu beschreiben. Es gab eine Schwammdose mit einem sauberen feuchten Schwamm und einen Tafellappen aus Baumwolle zum trocken wischen“, erklärt Oma und dann fällt ihr ein, dass da noch etwas ganz Tolles in ihrer Schultüte war, etwas, das man nirgends kaufen kann.“
„Nun sag schon, was war es?“, drängelt Nadja.
„Eine Karte, auf die hatte meine Mutter mit Lippenstift einen dicken Kussmund gedrückt und darunter stand: Das ist ein Notfallkuss, damit du immer weißt, dass ich bei dir bin!“
„So ein Quatsch!“, sagt Nadja, die gar nicht verstehen kann, dass man einen Notfallkuss gebrauchen könnte. Schließlich war Mama ja immer da und die Schule ging auch nur bis zum Mittag, da war sie schnell wieder zu Hause.
„Ich habe diesen Notfallkuss immer bei mir getragen und es war gut, dass ich ihn hatte“, sagt Oma und dann geht sie zum Schrank und holt ein Fotoalbum hervor.
„Schau hier, da bin ich mit meiner Schultüte und hier hinten, auf der letzten Seite, da ist die Karte mit dem Kuss, ein wenig verblichen, aber immer noch erkennbar!“
Nadja schämt sich ein bisschen, dass sie den Kuss als „So ein Quatsch“ bezeichnet hat, wo er Oma doch so wichtig ist.
„Es ist der schönste Notfall-Kuss von allen“, lobt sie ihn deshalb und das tut Oma gut, sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und drückt ihre Enkeltochter fest.
Am Abend, als Nadja zu Bett geht und Oma noch schnell gute Nacht sagen will, steckt sie ihr einen Zettel zu.
„Schau, Oma, hier ist ein frischer Notfall-Kuss, damit du weißt, dass ich immer für dich da bin!“, sagt sie und dann hüpft sie aus dem Zimmer.
„Wie gut, dass ich sie habe!“, denkt Oma und betrachtet liebevoll den kleinen Kinderkussmund. „Ein Schatz ist sie, ein wahrer Schatz!“

© Regina Meier zu Verl
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