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Die erste erdbeerrote Erdbeere

„Die erste Erdbeere im Jahr schmeckt immer am besten“, sagte Onkel Hubert und spähte ins Erdbeerbeet. „Und bald, ja, bald werde ich sie pflücken.“
Fast liebevoll blickte er auf die blühenden Erdbeerpflanzen. Dann ließ er den Blick weiter schweifen zum Beetrand, wo eine erste Beere heranreifte. Sie war gestern noch grün gewesen, doch heute hatte sich ihr rechtes Erdbeerbäckchen, das zum Licht und zur Sonne hin wuchs, rot gefärbt. Es war ein zartes, schüchternes Rot, das vom tiefen Erdbeerrot noch zu träumen schien. Aber nicht mehr lange und der Traum würde Wirklichkeit werden.
Auch Onkel Huberts Traum von der ersten erdbeerroten Erdbeere würde sich dann erfüllen und das war gut so. Seit Monaten nämlich, eigentlich schon seit Weihnachten, träumte er von frischen Erdbeeren und vor allem von dieser allerersten Beere. Und die lockte nun vom ihrem Platz im Beet mit einem halbrosafarbenen Lächeln. Ein bisschen aber musste Onkel Hubert noch warten.
„Morgen“, sagte er zu der Beere. „Morgen werde ich wieder kommen und nach dir schauen. Wenn du ahntest, wie neugierig ich auf dich bin. Ob du morgen schon eine erdbeerrote Beere sein wirst?“
Die Beere schwieg. Sie hatte das Sprechen noch nicht erlernt, denn sie war noch nicht reif dazu. Und ob sie bei diesem beerensehnsüchtigen Onkel Hubert überhaupt Zeit finden würde, sich je mit ihren Erdbeerkollegen und den Tieren im Erdbeerbeet, den Wolken am Himmel, der Sonne und den Sternen würde unterhalten können, stand in Frage. Wegen Onkel Huberts Erdbeerhunger.
So seufzte sie nur leise und duckte sich ein bisschen tiefer unter das Blatt, das über ihr wuchs. Vielleicht würde das Leben ihr auf diese Weise ein bisschen mehr Zeit schenken und sie nicht allzu schnell erröten lassen.
„Zeit“, murmelte sie. „Ich brauche nur ein bisschen mehr Zeit. Hörst du, Leben?“
Dann erschrak sie, waren dies doch die ersten Worte, die sie in diesem Leben geflüstert hatte. Sie beherrschte es also schon, das Sprechen.
Das Leben hörte es und tat nichts, um das schattige Blatt, das die Strahlen der Sonne von der Beere fernhielt, weniger schattig sein zu lassen.
Auch andere hatten die Bitte der ersten erdbeerroten Erdbeere gehört: die Schnecke, die kleine Gartenmaus, der Wiesenigel, die Amsel vom Apfelbaum, der Regenwurm und der schwarze Käfer. Sie alle träumten den gleichen Traum wie Onkel Hubert, den Traum von der ersten erdbeerroten Erdbeere.
Ich weiß nicht, wie die Geschichte weiter ging. Es kann sein, dass sie noch immer träumen und der Zeit ein Schnippchen schlagen, eine Zeit, in der die noch nicht ganz so rote Erdbeere viele neue Worte lernen und viele Erdbeerträume träumen konnte.

© Elke Bräunling

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