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Reiselust
oder: Sonjas (hintergründige) Urlaubspläne

Einen Reisekatalog nach dem anderen hatte Sonja gewälzt. Das war durchaus interessant, aber eine Entscheidung darüber, wohin der Urlaub im Oktober gehen sollte, hatte sie noch nicht treffen können. So langsam aber sicher wurde es Zeit. In Die engere Wahl waren drei verschiedene Angebote gekommen, die sie ihrem Mann am Abend vorstellte.
„Ich zähle auf deine ehrliche Meinung, Jochen, also, hör zu: Das erste Angebot ist eine Reise mit dem Fahrrad entlang der Mosel. Wir fahren mit dem Zug bis Trier und starten von dort aus flussaufwärts bis nach Konz!“
Jochen unterbrach seine Frau: „Das kannste vergessen! Ich radel doch nicht wie ein Blöder durch die Landschaft und abends kann ich mich nicht mehr bewegen vor lauter Muskelkater. Nee, das ist nichts für mich. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du mich dazu überreden kannst!“
Sonja grinste, damit hatte sie gerechnet und deshalb diesen Vorschlag auch zuerst unterbreitet. Sie selbst war sportlich genug für so eine Tour. Sie trainierte ja auch ständig, während Jochen im Sessel saß und in seinen Büchern versank. Nach Trier wollte sie schon immer mal und vielleicht einen kleinen Abstecher nach Luxemburg machen. Dort war sie auch noch nie gewesen. Nun gut. Sonja legte Vorschlag Eins zur Seite und startete den nächsten Versuch.
„Na, dann nicht! Ich kann ja auch mit Evelyn mal dorthin fahren. Hiermit unterbreite ich dem geschätzten Faulpelz meinen Vorschlag Nummer Zwei: Wir fahren nach Husum und nehmen an den Husumer Krabbentagen teil. Du kannst dort frische Krabben direkt vom Krabbenkutter kaufen. Du magst die kleinen Würmchen doch so gern! Sonntags gibt es sogar eine Krabbenpuul-Meisterschaft. Du könntest vorher ein bisschen üben.“ Sonja schüttelte sich. Sie mochte keine Krabben, aber es gab auch einen großen Kunsthandwerkermarkt, den sie gern besuchen würde.
Jochen fand den Vorschlag ganz okay, aber mehr auch nicht.
„Können wir nicht irgendwohin fahren, wo es ruhig ist und ich in Ruhe lesen kann?“, fragte er und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ein deutliches Signal, dass er nicht mehr aufmerksam zuhören würde.
„Hör dir wenigstens noch meinen dritten Vorschlag an“, sagte Sonja verärgert.
„Wir mieten ein Wohnmobil und fahren zu deinem Bruder in den Schwarzwald. Im Oktober blühen dort die Herbstzeitlosen auf den Wiesen. Weißt du noch, wie schön das aussieht? Ich könnte meine Malsachen mitnehmen und Wiesen und Berge malen und du …“
„Ich könnte lesen bis der Arzt kommt!“, jubelte Jochen.
Sonja lachte laut auf. „Der Arzt müsste nur kommen, wenn ich dir einen leckeren Salat aus Herbstzeitlosen zubereiten würde! Die sind nämlich hochgiftig!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Jochen und deutete auf seinen Roman. „In meinem Buch wurde gerade eine freche Ehefrau auf diese Weise beseitigt!“
Sonja boxte ihn leicht auf den Oberarm, die Mühe mit den Reisekatalogen hätte sie sich sparen können, wie immer.

© Regina Meier zu Verl

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gemalt von Regina Meier zu Verl